Chris Johnson

Viel zu schnell ist es für alles zu spät

Die Erinnerungen sind Gesichte. Nichts war so wie es gewesen zu sein schien. Briefe aus Vergissmeinnicht, die man, ungeöffnet, irgendwo verlegt hatte.

Eine Armee uniformierter Postboten besteigt die Fahrräder. Es steht zu befürchten, von der Kettenreaktion klappernder Briefkastendeckel erschlagen zu werden. Das Vergangene wird einem erbarmungslos nachgetragen, auf den Umschlägen verrutscht die Tinte der Stempel - Datum, Ort, Behörde - Die Beweise sind gerichtsverwertbar. Diese Erde ist zu klein geworden, um sich irgendwo noch zu verbergen.

Die Dateien auf den Computern haben ihr Eigenleben begonnen. Man kann, ihre Ordnung nicht länger verstehend, den sich verzweigenden Algorithmen nicht mehr folgen. Drucker spucken aus - Formulare, von deren gewissenhaftem Ausfüllen Leib und Leben abhängig sind. Ohne digitale Identifikation endet die Gültigkeit aller Berechtigungen, die uns zugesprochen wurden. Die Halbwertzeit der Verfallsdaten schrumpft mit zunehmender Schnelligkeit.

Wenn ich Erinnerung höre, denke ich an Zukünftiges. Eine unbestimmte Furcht, es riecht nach uringetränkten Teppichen. Ein Geruch, den man wahrzunehmen nicht mehr imstande ist. Die Kinder kommen am Sonntag und reden auf einen ein, man solle die Wohnung aufgeben. Plötzlich sind da fremde Menschen und man sucht vergeblich nach dem Bücherregal. Einen Stift werde ich retten, ein Notizbuch, ich werde versuchen zu fliehen. Eine ausgebeulte Schlafanzughose, ein brauner Bademantel, und man kommt doch nur bis zur nächsten Parkbank.

Viel zu schnell ist es für alles zu spät. Mich abwendend vertraue ich den Geheimnissen meines Lebens.


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