Chris Johnson

Nochmal Sein und Zeit lesen

"Die konkrete Ausarbeitung der Frage nach dem Sinn von ‘Sein’ ist die Absicht der folgenden Abhandlung.” (Martin Heidegger: Sein und Zeit, Tübingen 2006, p.1)

Schön, dass wir gleich auf der ersten Seite erfahren, worum es dem Autor geht. Das ist das Erfrischende an Heidegger, er kommt gleich zur Sache. So soll es sein. Da könnte man das Buch also schon jetzt wieder getrost zuklappen. Nach dem Sinn von etwas zu fragen, kann nämlich nur eine Verschiebung weg vom Gegenstand bedeuten; von dem erfährt man so nichts, nur von seiner Legitimation. Der Sinn einer Sache liegt nie in ihr begründet, sondern verdankt sich allemal einem Zweck, der der Sache aus einem bestimmten Interesse an ihr heraus angetragen wird.

Nun, lesen wir dennoch ein wenig weiter:

”Das Sein ist definitorisch aus höheren Begriffen nicht abzuleiten und durch niedere nicht darzustellen.” (ibid., p.4)

Bon! Dann wäre das Problem ja damit erledigt. Nicht so aber für den Philosophen:

”Die Undefinierbarkeit des Seins dispensiert nicht von der Frage nach seinem Sinn, sondern fordert dazu gerade auf.” (ibid.)

Wie kann man von etwas sagen, es sei undefinierbar, ohne seine Definition zu kennen? Anyway, Heidegger geht es ja auch um etwas ganz anderes, denn er will ja den Sinn der Sache. So macht es auch gar nichts für ihn, dass es der Sinn etwas Undefinierbaren sein soll. Wäre schon eine Abhandlung des Begriffs ‘Sein’ ein Unfug - einer völlig leeren Totalabstraktion, in der weder Inhalt noch Zwecke von irgendetwas vorkommen, sondern schlicht alles und damit nichts -, so ist die Verschiebung hin zu der Frage nach dem Sinn ein echter Knaller.

Geben wir dem Philosophen dennoch eine Chance zur Begründung seines Unterfangens:

”Daß wir je schon in einem Seinsverständnis leben und der Sinn von Sein zugleich in Dunkel gehüllt ist, beweist die grundsätzliche Notwendigkeit, die Frage nach dem Sinn von ‘Sein’ zu wiederholen.” (ibid.)

Hier einen ’Beweis’ entdecken zu wollen ist schon ziemlich keck. ‘Notwendigkeit’ kecker (welche Not soll denn gewendet werden?). Nun ja. Wir stehen hier schließlich vor den verschlungenen Pfaden, auf denen sich Logik mählich zu Sigetik auflösen wird. Am Ende steht das Paradoxon der Schweigelehre. Die Hütte in Todtnauberg wird zum Hexenhäuschen. Das Gebräu einer politischen Ontologie wird angerührt, ein eingedampfter Sud, der sowohl dazu taugt, die Philosophie zu ihrem Ende zu bringen, den Nationalsozialismus zu rechtfertigen, als auch sich schließlich in eine gemütliche katholisch-konservative Resignation zurückzuziehen und auszurufen, dass nur noch ein Gott die Menschen werde retten können.

Heideggers dunkle Rede / Heideggers 'Schwarze Hefte'

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