Chris Johnson

Heideggers 'Schwarze Hefte'

(geschrieben ca. 2015)

Dass sich nunmehr nach dem Erscheinen der sogenannten „Schwarzen Hefte“ von Martin Heidegger etliche öffentliche Diskutanten genötigt sehen, dazu Stellung zu nehmen und dies in der Regel verbunden mit ihrer Bestürzung über die antisemitischen Stellen ebendort tun, dieser Bestürzung (sei sie ehrlich oder aber der moralisch erwarteten Haltung geschuldet) sogleich dann viele ABERs bezüglich seiner Philosophie und seiner herausragenden Stellung in der Geschichte der Philosophie usw. usf. folgen zu lassen - zeigt über diese Diskutanten so einiges, über Heidegger wenig bis gar nichts.

Natürlich wird diese im Wortsinn merkwürdige Debatte vornehmlich auf der moralischen Ebene verhandelt. Dass Heideggers Philosophie mit völkischem Denken durchaus kompatibel sein kann, ist nicht Gegenstand der Diskussion.

Eigentlich handelt es sich auch gar nicht um Diskussionen, eher sind es Rechtfertigungen derer, die sich mit Heidegger beruflich befassen. Und marketingstrategisch ist das alles auch gut platziert - der Verlag muss verkaufen (und die drei Ausgaben [1] der „Schwarzen Hefte“ sind nicht gerade erschwinglich), die Philosophen vom Fach ihre Publikationen auch (wogegen hier nichts gesagt sein will), also überhaupt eine passende Gelegenheit, sich einmal mehr in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aufmerksamkeit garantiert.

Nur über das, was eigentlich einen Erkenntnismehrwert brächte - die Kritik der Heideggerschen Philosophie - kommt gar nicht vor.

Dass Heidegger mit der Sache der Nazis nicht nur passiv sympathisiert hatte, ist bekannt. [2] Wem z.B. nicht nur der Duktus, sondern auch die Stellen bezüglich der Rolle der Philosophie gegenüber der Wissenschaft, die Auslassungen über das Volk (diese ziemlich ungemütliche Abstraktion kommt bei ihm ganz locker und völlig begriffslos einfach so mit Subjektcharakter ausgestattet daher), die Behauptung einer angeblichen Überlegenheit der deutschen Sprache [3] in der Vorlesung von 1935 „Einführung in die Metaphysik“ nicht schon vor dem Erscheinen der “Schwarzen Hefte” gezeigt haben, wie es um Heideggers Affinität zur nationalsozialistischen Sache bestellt war, der muss mit einem solchen Vorurteil z.B. an diesen Text herangegangen sein, dass ihm nicht auffiel, was sachlich eigentlich gar nicht zu übersehen ist. [4] [5] Der Text erschien übrigens 1953 im Max Niemeyer Verlag, Tübingen, in der ersten Auflage. Soviel zu der angeblichen Abkehr Heideggers - von den Nationalsozialisten vielleicht ja, nicht aber von der als von Heidegger einstmals als gemeinsam begriffenen Sache.

Heidegger war Philosoph. Philosophen suchen jeweils nach Rechtfertigung ihrer Gegenstände, erklären wollen (und können) sie sie nicht. Bei Heidegger wird die Sache dann soweit getrieben, dass er buchstäblich über nichts mehr handelt, er philosophiert im totalabstrakten Raum, wo alles begriffen werden will - und damit nichts. Dass daher Philosophie und Herrschaft manchmal auch gut miteinander können, ist nichts neues. Philosophie kann Herrschaft zum Schmucke dienen, zu einer Gefahr wird sie wohl kaum. Und Heidegger hat seine große Chance in der 'nationalsozialistischen Revolution' gesehen, da wollte er sich einklinken, da hat er sich eingeklinkt. Wie gerne hätte er den Führer führen gedurft! Vielleicht hat er sich auch als eine Art neuerstandener (seins-, nicht wesenslogischer) Hegel in spe gesehen. Allein, die Nazis wollten nicht so, wie er es gerne gehabt hätte. Die hielten ihn wohl eher für einen Spinner. Und dass er etwas später dann auch die Seinsvergessenheit derer, denen er sich zunächst andiente, kritisch anmerkte, machte ihn nicht zum Widerständler gegen das System. Wenn, dann lehnte Heidegger aus philosophischen Gründen die Nazis ab.

Das alles den Texten Heideggers zu entnehmen, bedurfte es nicht erst der „Schwarzen Hefte“. Wer das vorher nicht meinte wissen zu können, wollte es nicht wissen. Denn was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Eine wirkliche Kritik der Verstrickung Heideggers mit dem Nationalsozialismus wäre eine Kritik seiner Philosophie überhaupt. Das aber leuchtet Philosophen selbstredend nun so gar nicht ein.

Anmerkungen:

1.) Bände 94, 95 und 96 der Gesamtausgabe im Verlag Vittorio Klostermann, Ffm.

2.) Dies ist nicht nur dem Buch von Victor Farías (Heidegger und der Nationalsozialismus, Ffm.1989) zu entnehmen. Sondern aus Heideggers Texten selbst.

3.) “Denn diese (gemeint ist die altgriechische, meine Anm., C.J.) Sprache ist (auf die Möglichkeit des Denkens gesehen) neben der deutschen die mächtigste und geistigste zugleich." (Martin Heidegger: Einführung in die Metaphysik, Tübingen 1998, p.43)

4.) “Was dagegen die Philosophie ihrem Wesen nach sein kann und sein muß, das ist: eine denkerische Eröffnung der Bahnen und Sichtweiten des maß- und rangsetzenden Wissens, im dem und aus dem ein Volk sein Dasein in der geschichtlich-geistigen Welt begreift und zum Vollzug bringt, jenes Wissen, das alles Fragen und Schätzen befeuert und bedroht und nötigt.” (ibid., p.8)

5.) “Rußland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe (sic!); dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen… Wir liegen in der Zange. Unser Volk (das der Deutschen, meine Anm., C.J.) erfährt als in der Mitte stehend den schärfsten Zangendruck, das nachbarreichste Volk und so (sic!) das gefährdetste Volk und in all dem (sic!) das metaphysische Volk… All das schließt in sich, daß dieses Volk als geschichtliches (sic!) sich selbst und damit (sic!) die Geschichte des Abendlandes (sic!) aus der Mitte ihres künftigen Geschehens hinausstellt in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins.” (ibid., p.28f.)

Heideggers dunkle Rede / Nochmal Sein und Zeit lesen

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