Das Erinnern ist ein Gang ins Innre, kein Zurück.
Die Traumtänzerinnen mit den verstaubten Ballettröckchen, den löchrigen Schuhen. Dahinter das verstimmte Pianola und die knittergesichtige achtzigjährige Lehrmeisterin, die aus dem zaristischen Russland stammt, wie diese alle. Sie verachtet die Zeit und lebt in einer Welt bunter Erinnerungsschnappschüsse. Zittrig trägt sie immer wieder und verbissen Lippenstiftrot auf und erwartet abends, obwohl sie es sich nicht leisten kann, mit dem Taxi nach Hause gebracht zu werden.
Das Wort - Damals - Eine Puderwolke staubt inmitten nicht gänzlich vergessener Bilderfetzen, es ist eine Grammophonplatte aus Schellack, sie springt stets an derselben Stelle in immer dieselbe Wiederholung.
Die Bohlen des Gymnastiksaals knarren schwer unter den verwesten Schenkeln längst verstorbener Varieté-Tänzerinnen. Der Pianist mit dem Lungenkrebs, der das Kunstspielklavier einmal die Woche wartete, liegt schon seit einer Ewigkeit auf dem städtischen Friedhof. Man kann sich seines Namens, seines Gesichtes bei bestem Willen nicht erinnern. Die Spiegel sind erblindet, und auf den Fenstersimsen brüten Trauben von Tauben. Sie vermehren sich wütend, es wächst der Kot weiß und steinern vom Boden empor.
Ein krautwuchernder Garten vor dem Gründerzeithaus. Wilder Bewuchs lässt ihn kleiner erscheinen. Früher hielt sie hier Parties, ihre rotlackierten Nägel, die Krallen einer Pantherin, die sich die Männer der Gesellschaft, lange blutende Spuren der Lust kratzend, auf ihre Rücken sehnten. Cocktailgläser, Kirschen im Martini, ihr pralles Hinterteil, ein Bein versetzt auf der Treppenstufe über der des anderen.
Heute bleiben die Schüler wieder aus, ihr Kopfwackeln kann sie nicht mehr kontrollieren. Kettenrauchend spürt sie die tatsächliche Leere um sich herum nicht, für sie glänzen die Pailletten wie eh, es leuchten die Lichterketten, ein heiseres Lachen steht in der brotwarmen, trockenen Spätsommerluft.
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