Chris Johnson

Das Aufrichten hinein in die Dunkelheit

Es ist eine Kindheit voller Herbstregen, ein Kriechen der Kälte, die Strümpfe kratzen unter den von der Mutter gekauften Bundfaltenhosen - gedankenverloren kauen die Knaben den Kitt der Fenster mit der absplitternden Farbe, an denen sie nachmittagelang stehen und hinaus ins Leere starren.

Auf einer Bank scheißt eine Taube haufenweise magensaftzersetzes Brot, dem aus den dürren, zitternden Händen alter Damen, die aus purer Langeweile nicht sterben können - ihre Zahl ist eine sich wundersam vermehrende.

In Schuluniformen gezwängt die erhofften Hüter von Familientraditionen, ihre kleinen Schuhe waten hinaus mit ihnen durch den klebrigen Matsch der Pfützenwege, die zu den Feldern führen und dort, in der Mitte, einfach aufhören im braunen, zur Fruchtbarkeit verdammten Ackerboden.

Gehört haben sie das Geschwätz der Pfaffen schon; im Schutz des Schnaps’ am späten Vormittag und in Schwaden gehüllt vom Rauch billiger Zigarren sagt man ihnen, diese tanzten in der Hölle Walzer. Der gebeugte Priester, dem kein Alter je zuzuordnen gewesen wäre aber hat einen Klumpfuß, der in gebogenem orthopädischen Schuhwerk steckt - einmal war es zu sehen, zwei kürbisförmige, menschenlose schwere Leder, denen ein Gewirr von Schnürbändern zu entfliehen wollen schien.

Auf Kanzeln verkündet ein sich immer langsamer öffnender, sich immer langsamer schließender Mund die Fäulnis dahinterliegender Zahnhälse, die Kiefer schließlich werden nur noch zusammengehalten von vibrierenden Fäden silbrig-weißen Schleims - und die Alten in den hölzernen Reihen der Bänke ertragen all das auch, ihre knorrigschmerzenden Fingergeschirre ruhen nun für ein paar wenige Stunden von Ställen, Hühnern, Schweinen, Blut und Nachgeburt und Kot.

Wohin später als Mann er auch gehen wird, in all die tropenroten Länder mit ihrem Schweiß und dem Kerosingeschmack der Luft und dem Luftflirren über dem brüchigen Asphalt der menschenleeren Seitenstraßen in der Mittagszeit, stets wird in ihm sein der Nebel des Herbstes, in dem einst seine Eltern ihn zurückließen, damals wie heute die lössbodenfarbenen Wege, die sich in den Dörfern verlieren, deren Häuser schräg stehen von all den immer wiederkehrenden und unaufhörlichen Mühen, die in der Herrgottsfrühe sich aufrichten hinein in die Dunkelheit, die niemals verraten wird, ob sie dem Tag, ob sie der Nacht entfliehen will.


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